BPP Scientific Blog

 

Ein Blog zu Forschungsthemen im Bereich der Begabungs- und Begabtenförderung (BBF).


 

TIBI bloggt über eine Masterarbeit: Elisabeth Engberding. Das Kohärente Begabungsmodell. Begabungsförderung auf der Mikro-, Meso-, und Makroebene

In der Masterarbeit wird an die Diskussion um einen Paradigmenwechsel in der Begabungsförderung angeknüpft. Es wird dargestellt, welche Möglichkeiten ein systemisch-konstruktivistischer Ansatz in der Begabungsförderung ermöglichen könnte, das „Kohärente Begabungsmodell“ konzipiert und drei Eckpunkte einer systemisch-konstruktivistischen Begabungsförderung herausgearbeitet.

Wenn Begabung ein Konstrukt ist- Wie soll diese dann gefördert werden?

Im Zentrum der Arbeit steht die Überlegung, wie Begabung gefördert werden kann, wenn eine Lehrperson aus konstruktivistischer Sicht Lernprozesse begünstigen aber nicht garantieren kann (vgl. Mosell 2016: 15). Ziel ist es darzulegen, dass die Konstruktion von Begabung durch den Lernenden selbst und verschiedenen sozialen Systemen ein wesentlicher Einflussfaktor auf den Begabungsprozess sind und zu ermitteln, wie die Konstruktionen von Begabung von LehrerInnen genützt werden können um Begabung zu fördern.

Begabungsförderung auf Mikro-, Meso- und Makroebene

Ein Kernstück der Masterarbeit ist Kohärente Begabungsmodell. Dafür werden Elemente aus vorliegenden Begabungsmodellen entnommen, neu zusammengeführt und mit einem konstruktivistischen Ansatz verbunden. Das Modell besteht aus einer Mikro-, einer Meso- und einer Makroebene. Im Zentrum aller drei Ebenen stehen die Begabungsprozesse einer lernenden Person, die zusammenwirken, wenn sich Potenzial in Performanz transformiert.

Abbildung 1: Mikroebene des Kohärenten Begabungsmodells. Engberding 2019

Die Mikroebene des KBM stellt eine Lernsituation dar, innerhalb derer eine Person ihre Lern- und Entwicklungsprozesse vollzieht. Begabung wird für die Lernsituation als Prozess beschrieben, innerhalb dessen eine Person ihr Potenzial transformiert und so ihr Handlungsrepertoire erweitert (vgl. Ziegler 2008: 55). Auf dieser Ebene wird das wechselseitige Verhältnis zwischen der Selbstkonstruktion des Selbstbildes und des Abbildes der Umwelt auf die Bewertung von Begabung in einer Lernsituation herausgearbeitet. Begabung wird hier als innerer Prozess dargestellt d.h. es kommt zu keinem direkten Kontakt mit dem System. Das System beeinflusst den Begabungsprozess über die Konstruktion der Umwelt durch die Person selbst (Abbild der Umwelt).

Abbildung 2: Mikroebene des Kohärenten Begabungsmodells. Engberding 2019

Die Mesoebene stellt eine Person mit ihren Lern- und Entwicklungsprozessen in unterschiedli-chen Lernsituationen dar. Die Anzahl der Lernsituationen und wie viel Potenzial für die Erwei-terung des Handlungsrepertoires in der Lernsituation genützt wird, ist individuell, daher unter-scheiden sich je nach Person (Polyeder) die Anzahl der verinnerlichten Lernsituationen (Pentagone) und die bereits verinnerlichten Lernerfahrungen (Größen ihrer weißen Innenfläche). Das (Selbst-)Verständnis von Begabung entsteht als Produkt des inneren Filters. Dieser entscheidet darüber, welche Selbstkonstruktionen und Bewertungen in das Selbstkonzept und die Selbstbeurteilung einfließen. In der Wechselwirkung zwischen Selbstkonzept und Selbstbeurteilung entsteht dabei das (Selbst-) Verständnis von Begabung.

Abbildung 3: Mikroebene des Kohärenten Begabungsmodells. Engberding 2019

Was ist eine systemisch-konstruktivistische Begabungsförderung?

Abgeleitet von dem Modell setzt diese dort an, wo Kohärenz stattfindet. Der Begriff ist der Biologie entlehnt und deutet auf (zumindest zeitweise stabile) Vernetzung hin. Auf der Mikro- und Mesoebene beschreibt er eine Vernetzung zwischen Lernerfahrungen, d.h. die Verbindung von unterschiedlichen Lerninhalten (kreatives, vernetztes Denken und Erwerb von Kompetenzen). Auf der Makroebene beschreibt er Interaktionen von Personen auf der Basis von verinnerlichten Lernerfahrungen innerhalb und außerhalb eines Kontextes.
In der Masterarbeit werden drei Schwerpunkte für eine systemisch-konstruktivistische Begabungsförderung ermittelt: Beziehungsarbeit, Personorientierung und Feedbackkultur. Sie werden in der Arbeit anhand des praktischen Beispiels der Begabungsförderung im Setting der fachspezifischen Methodenerarbeitung „Quellenarbeit“   im Unterrichtsfach Geschichte und Sozialkunde/Politische Bildung vermittelt.
Die unten angeführte Grafik ist ein erster Versuch die Schwerpunkte Beziehungsarbeit, Personorientierung und Feedbackkultur LehrerInnen zugänglich zu machen.

Abbildung 4: Systemisch-konstruktivistische Begabungsförderung nach dem KBM. Engberding 2019

Ausblick

Damit die Ergebnisse der Arbeit in die Schulpraxis gebracht werden können wird im folgenden Jahr an anschaulichen Informationstexten, Übungen (für die LehrerInnenbildung und der Arbeit mit SchülerInnen) und Checklisten gearbeitet, die die Hemmschwelle zu einer systemisch-konstruktivistischen Begabungsförderung niedrig halten soll.

Zum Grübeln

“Lernen ist an Konstruktionen gebunden, also daran Gemeinsames zu unterstellen bzw. Handlungserwartungen zu entsprechen.” (Lindemann 2006:152)

  • Decken sich eure Vorstellungen von Lernen und Begabung mit denen eurer SchülerInnen? Wie könntet ihr das überprüfen?
  • „Kinder, die Intelligenz als gegeben betrachten, suchen in geringerem Maße Herausforderungen und neigen stärker zu schulischer Minderleistung, als Kinder, die Intelligenz als eine veränderliche Größe und damit anstrengungsabhängig einschätzen.“ (Stednitz 2008: 37)
  • Drehen wir das um: Wie kann ausgehend davon schulischer Minderleistung (engl. Underachievment) entgegengewirkt werden?

Zum Reinschnuppern:

  • Hubrig, Christa (2010): Gehirn, Motivation, Beziehungen – Ressourcen in der Schule. Systemisches Handeln in Unterricht und Beratung, Heidelberg: Carl-Auer-Verlag
  • Sternberg, J. Robert/Zhang Li-fang (2004): “What Do We Mean by Giftedness? A Pentagonal Implicit Theory”, in: J. Robert Sternberg (Hg.): Definitions and Conceptions of Giftedness, California: Corwin Press, 13-29
  • Ziegler, Albert/ Phillipson, Shane N. (2012): „Towards a Systemic Theory of Gifted Education“, in: High Ability Studies 23, 3–30

Literaturangabe:

  • Lindemann, Holger (2006): Konstruktivismus und Pädagogik. Grundlagen, Modelle, Wege zur Praxis, München, Basel: Ernst Reinhardt Verlag
  • Mosell, Robert (2016): Systemische Pädagogik. Ein Leitfaden für Praktiker, Weinheim: Beltz Verlag
  • Stednitz, Ulrike (2008): Mythos Begabung. Vom Potential zum Erfolg, Bern: Huber

Für Interessierte:

Am 26.2.2020 (15:00-18:00): „Natürlich begabt?- Einführung in eine systemisch-konstruktivistische Begabungsförderung.“ Statt einen Vortrag zu halten, möchte ich euch praktische Übungen und Methoden vorstellen wie ihr die Grundlagen einer systemisch-konstruktivistischen Begabungsförderung in euer Klassenzimmer und eure Schule bringen könnt.

Elisabeth Engberding, MA BEd.

Lehrerin an einem Schulzentrum für Inklusion und Sonderpädagogik, Mitarbeiterin am TIBI

Erstellt von: eva.knechtelsdorfer
11. April 2019